Überraschend magere Quote für RTL: Nur 3,03 Millionen Zuschauer haben sich gestern Abend die Doku-Soap “Erwachsen auf Probe” im Fernsehen angesehen. Über die Sendung wurde seit Wochen in allen Medien heiß diskutiert. Das entspricht einem Gesamtmarktanteil von knapp unter elf Prozent – bei “Aktenzeichen XY” schalteten immerhin 4,8 Millionen Menschen ein (16,9 Prozent).
Schon von Anfang an waren Kinderschützer entsetzt über das Konzept. RTL verwies standhaft darauf, dass die “Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen” (FSF) die Sendung geprüft habe und ihr eine “positive pädagogische Absicht” bescheinige. Das Konzept: Teenie-Pärchen bekommen Kinder unterschiedlichen Alters ausgeliehen und erleben so den “Alltag” von Eltern.
Von verschiedenen Seiten wurde gegen die Sendung protestiert, Versuche die Ausstrahlung gerichtlich verbieten zu lassen scheiterten allerdings. Gestern also die erste Folge, präsentiert von einer Frau, die sich mit einem Zahnarztdiplom und vier eigenen Kindern wohl als Expertin für RTL qualifiziert hat – immerhin hat sie ja auch schon die Textchen für die BILD-Busenbilder geschrieben.
Es war ja vorherzusehen, dass RTL für die Sendung den Bodensatz der Bewerber nimmt – was wäre schon quotenträchtig an einer 17-Jährigen, die kompetent mit ihrem Leihbaby umgeht und die noch dazu ihren Schulabschluss anstrebt?
Und so kam es wie es kommen musste: Bei einem Pärchen erzählt der Junge fröhlich, dass er seine Freundin schlägt, wenn sie ihm dumm kommt, ein anderer ist mehrfach vorbestraft. Einer der Möchtegernväter zerdrückt im Schlaf den Baby-Dummy, Stufe eins des “Erwachsen auf Probe”-Programms.
Es ist schwer zu sagen, was anstößiger ist: Die Frechheit von RTL, diese Sendung als auch nur in irgendeiner Weise pädagogisch zu vermarkten, oder die Dummheit von Eltern, die ihre Kinder an den Sender vermieten, damit der sie dümmlichen Ersatz-Eltern ausleiht.
RTL und auch beteiligte Mütter betonen ständig, dass ja gar nichts habe passieren können. Die Mütter wären ja ständig hinter der Kamera dabei gewesen, außerdem seien jederzeit Experten (Psychologin, Erzieherin, Krankenschwester) anwesend. Die Babys allerdings konnten das nicht wissen. Sie haben nur bemerkt, dass auf einmal andere Leute da waren, und die Eltern eben nicht. Kann das wirklich komplett spurlos an einem Kind vorbeigehen?
Genauso haarsträubend sind die zahllosen Kommentare auf den Internetseiten, die über die Sendung berichten. Es scheint die Meinung vorzuherrschen, dass Kinder ja auch mal von anderen Leuten betreut werden müssen, und es lernen müssen “ohne ihre Eltern” auszukommen, und überhaupt kommen sie ja sowieso irgendwann in den Kindergarten – da sind die Eltern auch nicht dabei.
Wirklich? Ein Baby in einer empfindlichen Entwicklungsphase soll lernen ohne die Eltern auszukommen, weil das ja früher oder später sowieso sein muss? Und die Betreuung durch Fachpersonal in einem Kindergarten oder durch eine Tagesmutter ist in irgendeiner Weise vergleichbar damit, wenn Kinder asozialen Jugendlichen ausgeliefert werden?
Wenn das der allgemeine Wissenstand um Bedürfnisse von Babys ist, dann ist Deutschland mit den sinkenden Geburtenzahlen gut beraten. Kompetenz für Erziehung? Verständnis für Kinder? Das sieht ja wohl völlig anders aus.





