Bisher war die Lehrmeinung unumstößlich: Das Erbgut des Menschen, die Gene, können nur durch Mutationen dauerhaft verändert werden. Solche Mutationen können spontan auftreten oder durch äußere Einflüsse wie etwa Strahlung verursacht werden. Deutsche Wissenschaftler meinen nun aber, dass auch starker Stress und traumatische Erlebnisse in frühester Kindheit das Erbgut verändern können.
Schön länger ist bekannt, dass Angst und Stress, wie er etwa durch Misshandlung in der Kindheit ausgelöst wird, das Risiko erhöht, dass die Betroffenen später an Angststörungen und schweren Depressionen erkranken. Warum genau das so ist, war bisher unklar.
In einem Versuch mit Mäusen konnten Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München zeigen, dass Stress die Ursache dafür ist, dass bei Nervenzellen im Gehirn bestimmte Bereiche des Erbguts verändert werden. Das berichtet die Welt in ihrer Online-Ausgabe.
Den betroffenen Tieren fehlten Substanzen, die normalerweise an der DNS “festgeklemmt” sind und einige Gene so abdecken. Auf diese Weise bestimmen sie mit, welche Gene abgelesen werden können und welche eben nicht. Die betroffenen Nervenzellen befinden sich im Hypothalamus, der wichtig für die Bewältigung von Stress ist. Dementsprechend waren die Versuchstiere auch ängstlich und antriebsarm und lernten schwerer als andere.
Die Erkenntnisse sind nach Meinung der Münchner Forscher auch auf den Menschen übertragbar. Die veränderten Hirnstrukturen bei den Versuchstieren sind vergleichbar mit denen von Selbstmördern, die ihrer Kindheit schwer misshandelt wurden. Selbstmörder oder Unfallopfer mit einer Kindheit ohne Misshandlungen zeigten diese Veränderungen nicht.
Das bedeutet natürlich eines: Der Schrecken einer Kindesmisshandlung bleibt ein Leben lang erhalten; keine noch so gute Therapie kann die Auswirkungen auf das Gehirn ungeschehen machen. Im besten Fall können betroffene Kinder den Umgang mit ihrem Schicksal lernen. Die Spuren davon werden aber trotz der besten Therapie und der umfassendsten Betreuung bis zum Lebensende erhalten bleiben – auch die unsichtbaren Spuren.
Größere Aufmerksamkeit gegenüber möglichen Kindesmisshandlungen, beispielsweise bei Kinderärzten, könnten hier vielleicht schon eine erste Hilfe sein.





