Vor dreißig Jahren hat die chinesische Regierung die Ein-Kind-Politik eingeführt, um dem rasanten Bevölkerungswachstum Zügel anzulegen. Vorher gab es schon eine Zwei-Kinder-Regelung, bei der Ehepaaren mit mehr als zwei Kindern Geldstrafen auferlegt wurden. Nun aber wendet sich das Blatt: Wegen der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung sollen chinesische Eltern ermuntert werden, ein zweites Kind zu bekommen.
Schon seit langem steht die Ein-Kind-Politik gerade im Westen im Kreuzfeuer der Kritik, weil sie dazu geführt hat, dass die Abtreibungsrate in schwindelnde Höhen gestiegen ist. Die chinesische Regierung musste sogar ein eigenes Gesetz einführen, dass die Bestimmung des Geschlechts ungeborener Babys verbietet, damit Mädchen nicht abgetrieben werden: Immer noch wollen Eltern nämlich lieber einen Sohn als eine Tochter.
Für Bauernfamilien gilt die Ein-Kind-Politik nicht, wenn das erste Kind ein Mädchen ist - das Gesetz kann also sowieso mindestens von den 53 Prozent der Chinesen, die auf dem Land leben, unterwandert werden. Zusätzliche Ausnahmeregelungen gab es beispielsweise für Eltern, die beide aus einer Ein-Kind-Familie stammen, Paare in einer zweiten Ehe und auch für ethnische Minderheiten.
Jetzt machen sich jedoch die Folgen der Ein-Kind-Politik bemerkbar: Die chinesische Gesellschaft wird immer älter. Umdenken ist also angesagt. In Shanghai sind die Behörden besonders aktiv im Kampf gegen die Überalterung. Familienhelfer machen sich in der ganzen Stadt auf die Suche nach “geeigneten” Eltern, die den Alterungsfluch durchbrechen sollen. Als geeignete Eltern gelten diejenigen Eltern, die unter der “Einzelkind-Ehe”-Regelung eigentlich problemlos ein zweites Kind bekommen dürften, es aber nicht tun.
Die Familienberater bieten finanzielle Anreize ähnlich dem Kindergeld und auch Betreuung und Beratung bei Familienplanung und Schwangerschaft an. Grund für den plötzlichen Richtungswechsel: 22% der Shanghaier sind über 60 Jahre alt - das ist doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt.





