Hermann Ehmann ist eines dieser fast noch mythischen neuen Geschöpfe: ein Elternzeit-Papa. Und zwar ein Richtiger. Die üblichen zwei Alibi-Monate für das Elterngeld waren ihm nicht genug, er hat seinen Sohn Simon die vollen drei Jahre betreut. Der Beifall und die Bewunderung seiner Umwelt waren ihm sicher – sollte man meinen. Ganz so war es nicht, wie man in seinem Buch “Mein Leben als Mutti – Wahre Geschichten eines Elternzeit-Papas” nachlesen kann.

In dem extrem unterhaltsamen Buch kann man in 25 Geschichten nachlesen was wirklich passiert, wenn ein Mann in die Welt der Pasta-Bambini-Gläser, PEKiP-Gruppen und Hightech-Windeln eintaucht – und wenn er versucht, mit seinem eigenen Kind zu verreisen.
Oft bleibt einem allerdings auch das Lachen im Halse stecken, weil manche Erlebnisse aufdecken, wie unfair die Väter in einem System behandelt werden, dass es ihnen ja eigentlich ach so leicht machen will, sich für ihre Familie zu entscheiden.
Uns hat Hermann Ehmann noch mehr über seine Erfahrungen mit der Elternzeit erzählt.
Als Vater die vollen drei Jahre Elternzeit – war das Ihre Idee oder die Ihrer Frau?
H. E.: Natürlich die meiner Frau. Als Mann hat man solche Ideen überhaupt nicht zu haben. Während der Schwangerschaft sagte sie eines Tages: ‚Ich möchte gerne weiterarbeiten, mach du das doch mit der Elternzeit!’ Ich hielt das anfangs für eine Hormonlaune, aber sie meinte es absolut ernst. Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Die Vorstellung fand ich erst mal ganz spannend.
Haben Sie sofort „Ja“ gesagt?
H.E.: (lacht): Ich bitte Sie, so etwas schlägt mann seiner Frau doch nicht ab … Doch im Ernst: Ich hatte große Zweifel, ob ich dem Ganzen gewachsen sein würde. Schließlich ging es ja um die Verantwortung für einen kleinen Menschen.
Im Nachhinein: Würden Sie es heute noch mal machen?
Ehmann: Jederzeit wieder. Es war ein grandioses Erlebnis, auch wenn mich so manches an meine Belastungsgrenze gebracht hat. Für uns Männer ist das eben eine ganz neue Erfahrung, die mal nichts mit Gewinnmaximierung oder Durchsetzungsvermögen zu tun hat, da sind ganz andere Eigenschaften gefordert, die uns nicht unbedingt in die Wiege gelegt sind. Man muss wirklich wissen, worauf man sich einlässt. Ich war am Anfang in gewissen Dingen viel zu naiv.
Zum Beispiel?
H.E.: Zum Beispiel habe ich die Reaktionen von Kollegen und Nachbarn total unterschätzt, die konnten überhaupt nicht damit umgehen, weil so etwas in unserer Gesellschaft eben noch sehr unüblich ist (weniger als 1 % aller Väter nehmen die vollen drei Jahre Elternzeit, Anm. d. Redaktion). Teilweise wurde ich belächelt, da war aber auch vielfach blankes Entsetzen. Meine Chefin hat es sehr persönlich genommen und mir gleich klipp und klar gesagt, dass ich als Lehrer an Ihrer Schule gar nicht mehr zu unterrichten brauche. Ich kam mir vor wie jemand, der etwas Schlimmes angestellt hat. Dann wurde noch versucht, mich bis zum Beginn der Elternzeit rauszumobben. Mit so viel Gegenwind hatte ich wirklich nicht gerechnet gehabt. Aber drei Jahre ist halt auch etwas anderes als zwei, drei Monate, so wie jetzt langsam bei Vätern in Mode kommt.
Dann war die Elternzeit für Sie also ein Karriereknick?
H.E.: Ich musste mir nach drei Jahren tatsächlich einen neuen Arbeitsplatz suchen – was sich im Nachhinein aber als großes Glück herausgestellt hat. Denn an meiner neuen Schule hat frau Verständnis dafür, dass ich als Mann nur Teilzeit arbeiten will, weil ich weiterhin Zeit mit unserem Sohn verbringen möchte.
Welche Erfahrungen haben Sie während der Elternzeit gemacht?
H.E.: Du bist als Vater überall der Exot. Ich hab’s immer von der witzigen Seite genommen. Das fing bei Mutter-und-Kind-Gruppen an, wo ich von Geschlechts wegen keinen Zutritt hatte, ging weiter bei Mutter-Kind-Stellplätzen im Einkaufszentrum, wo ich mal fast abgeschleppt worden wäre. Im Zirkus hatten Muttis freien Einritt, ich als einziger Papa hingegen musste zahlen. Am Münchner Flughafen durfte ich als Vater mit meinem Sohn nicht nach Mallorca ausreisen, weil die Polizisten Angst hatten, ich würde ihn entführen. Und das Finanzamt wollte mir auch nicht glauben, dass ich keine Einkünfte hatte. Die Rentenversicherung konnte sich partout nicht vorstellen, dass die Erziehungszeiten mir zugerechnet werden sollten. Sogar die Kinderärztin schaute mich schief an, als ich einmal eine mir sinnlos erscheinende Behandlung ablehnte – Motto: ‚Väter haben eben von Kinderpflege keinen blassen Schimmer.’ Sie fragte mich: ‚Haben Sie das überhaupt mit der Kindesmutter abgesprochen?’ Da bin ich fast vom Glauben abgefallen, denn eine Mutter würde sowas umgekehrt natürlich nie gefragt.
Gab es auch positive Erlebnisse? Oder können Sie sich an besonders schöne Situationen erinnern?
H.E.: O ja, sehr viele. Ein besonderes Highlight waren für mich unsere Kuscheltier-Katapulte oder unsere selbst gebastelten Lego-Gondelseilbahnen, die wir quer durchs Wohnzimmer gespannt hatten. Wir haben auch in der Wohnung Fußball gespielt, was unser Sohn super fand. Meine Frau war davon weniger begeisert, aber man muss klar sagen: Sie hat es ja nicht anders gewollt. Ganz toll fand ich übrigens, dass sowohl mein Vater als auch mein Schwiegervater nach anfänglicher Skepsis voll hinter mir standen und mich bestärkten, das hätte ich so wirklich nicht erwartet – eine tolle Männer-Solidarität über drei Generationen hinweg. Klasse-Erfahrung.
Gehen Väter mit Kindern anders um als Mütter?
H.E.: Ich denke schon, dass Väter anders spielen: relaxter, weniger gluckenhaft, eher partnerschaftlich. Auf dem Spielplatz war es oft so, dass andere Muttis den Kopf schüttelten, in ihren Augen sah ich manches eine Spur zu easy. Aber Fakt ist: Unser Sohn war fast nie krank, weil ich ihn nicht verweichlicht habe. Die anderen Kinder mussten bei ihren Müttern schon Mützen anziehen, wenn nur ein leichter Wind wehte. Dementsprechend lagen sie dann den halben Winter krank im Bett, während wir draußen herumtobten und keine Handschuhe brauchten.
Ihr Sohn ist jetzt viereinhalb Jahre. Wie hat er sich unter den Fittichen seines Vaters entwickelt?
H.E.: In unseren Augen ist er sehr gut entwickelt, er ist kreativ unterwegs und vielseitig interessiert. Wir denken, dass unsere Entscheidung goldrichtig war, gerade für Jungen kann es von großem Vorteil sein, wenn sie schwerpunktmäßig vom Vater und nicht nur von der Mutter betreut werden. Das hat inzwischen ja auch die Entwicklungspsychologie festgestellt – zwar spät, aber immerhin.
Noch mal abschließend: Warum sollen Väter in Elternzeit gehen?
H.E.: Ganz einfach: Weil alle profitieren; das Kind, der Vater, die Mutter, sogar der Arbeitgeber. Weil mann während der Elternzeit wertvolle Schlüsselqualifikationen erwirbt, die auch im Berufsleben nützlich sind: Geduld, Veranwortung, Zuverlässigkeit, Selbstdisziplin, Stressresistenz, Teamfähigkeit, Kompromissfähigkeit. Aber eigentlich halte ich so ein Denken für den falschen Ansatz, weil er den Profitgedanken in den Mittelpunkt stellt. Väter-Elternzeit sollte etwas völlig Normales, Natürliches sein sein – ohne gleich wieder zu fragen: Was bringt ihm das? Ein typisch deutsches Denken. In Schweden oder Finnland ist es zum Beispiel selbstverständlich, dass Väter Arbeitsbesprechungen früher abbrechen, weil sie ihr Kind vom Kindergarten abholen müssen. Zu dieser gesellschaftlichen Akzeptanz müssten wir auch kommen. Aber da tut sich gerade einiges. Es sind nämlich nicht die bösen Arbeitgeber schuld, sondern der kleine Mann auf der Straße muss dahinkommen, dass es für ihn selbstverständlich wird, sein Kind zu betreuen. Dann werden sich auch Wirtschaft und Gesellschaft darauf einstellen.
Und hier die drei Tipps von Hermann Ehmann für andere Väter, die in Elternzeit gehen wollen:
1. Es einfach tun und alles genießen, gleichzeitig aber Verständnis haben, wenn die Umgebung irritiert reagiert.
2. Nie mit anderen Muttis über Kinderbetreuung diskutieren, da kann man nur den Kürzeren ziehen. Aus männlicher Intuition heraus handeln, dann wird’s schon.
3. Sich voll einbringen und keine zweitklassige Mutti mimen, sondern ein erstklassiger Papa sein. Wie heißt es so schön: ’Ein echter Kerl kann alles. Und wenn nicht, auch scheißegal – dann soll er’s gefälligst lernen.’
Mein Leben als Mutti von Hermann Ehmann ist erschienen bei C.H. Beck.
ISBN 978-3-406-59298-0, Preis € 9,95 (D), 158 Seiten, Taschenbuch.
Es kann z.B. bei Amazon bestellt werden.






Hallo, dieses Buch habe ich als frischer Vater gelesen, fand es sehr gut. Ein wenig besser oder sagen wir runder fand ich das neue Buch mit dem Titel:
“Achterbahn zum ersten Milchzahn- Vater werden”.
Auch hier wird über die Elternzeit und Partnermonate geschrieben. Grüße, Ingo
Hi Ingo, Danke für Deinen Rat. Ich habe mir das Buch “Achterbahn zum ersten Milchzahn- Vater werden” gekauft und es nicht bereut. Es ist alles super nachzuvollziehen und lustig zu lesen. Meiner Freundin hat das Buch so gut gefallen, dass sie es auch einer Freundin geschenkt hat. Also, kein reines Männerbuch, sondern ein Buch für Beide. Nochmal Danke, Kai P.