Kaum hat das neue Jahr begonnen, schon gibt es wieder eine neue Meldung mit mehr oder weniger aufschlussreichen Erkenntnissen zum Stillen und zur Muttermilch. Diesmal überrascht eine norwegische Studie mit der Behauptung, das Brustmilch vielleicht gar nicht so viel besser ist als industrielle Baby-Nahrung.
Viel wichtiger scheint mir aber die weniger aufrührerische Grundaussage über den Zusammenhang von Hormonhaushalt und Stillen zu sein. Die norwegischen Wissenschaftler sind der Meinung, dass manche Frauen einfach eine geringere Fähigkeit zum Stillen haben – und sie sich deswegen keine Vorwürfe machen sollten.
Ein Forscherteam der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie begleitete unter der Leitung von Professor Sven Carlsen 180 schwangere Frauen und konnte einen Zusammenhang zwischen erhöhten Testosteronspiegeln während der Schwangerschaft und niedrigeren Still-Raten feststellen.
Ein erhöhter Testosteronspiegel wird auch mit einem kleineren Baby in Zusammenhang gebracht. Die Forscher sind nun der Meinung, dass sich in diesem Fall auch das Drüsengewebe in der Brust weniger stark entwickelt, was die Fähigkeit der Mutter zum Stillen beeinträchtigt. Laut Carlsen könne der Hormonhaushalt während der Schwangerschaft vielleicht auch darüber entscheiden, ob und wie das Baby vom Stillen profitiert, im Vergleich zu industrieller Babynahrung.
Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass auch die forschungsfreudigsten Hersteller von Babynahrung etwas so komplexes wie Muttermilch nachbilden können – zumindest nicht mit dem heutigen Stand der Technik. Aber der Witz beim Stillen ist ja gerade, dass es dabei auch um die psychische Bindung zwischen Mutter und Kind geht, und auch die Rückbildungsphase bei der Mutter unterstützt. Eine australische Studie hat übrigens ergeben, dass gestillte Kinder weniger oft misshandelt werden als ungestillte Kinder.
Zudem ist gerade in Entwicklungsländern die Muttermilch immer noch das Lebensmittel, das hygienisch verfügbar ist, und zu dem auch diejenigen Mütter Zugang haben, die sich Fertignahrung schlichtweg nicht leisten können oder die vielleicht auch die Anleitungen auf der Packung nicht lesen können. Stillen ist einfach auch eine ausnehmend praktische Möglichkeit der Ernährung.
Aber in einem Punkt muss ich den Norwegern recht geben: Wenn es mit dem Stillen einfach nicht klappen will, gibt es auch wirklich gute Alternativen. Eine Mutter, die vor schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen fast durchdreht, nutzt dem Baby auch nichts.





