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Die Trotzphase

Während des zweiten Lebensjahres merkt das Kind, dass eine eigene Person ist. Um den zweiten Geburtstag herum erkennen sich die meisten Kinder selbst im Spiegel – ein Meilenstein der Persönlichkeitsentwicklung. Vor diesem Zeitpunkt glauben Kinder, es handele sich bei der Figur im Spiegel um ein anderes Kind. Aber auch wenn Kinder ein Ich-Gefühl entwickeln, dauert es doch oft noch Monate bevor es von sich auch als "Ich" spricht.

 

Eine Persönlichkeit hat das Baby von Anfang an, aber da es sich noch nicht mit Sprache verständlich machen kann, ist sie für andere Menschen – außer den Eltern – oft nur schwer zu erkennen. Trotzdem stellt sich schon früh heraus, dass manche Babys ruhiger sind als andere, oder lebhafter oder anschmiegsamer oder kontaktfreudiger.

Kaum hat das Kind selbst entdeckt, dass es eine eigene Person ist, steht es schon vor den ersten Schwierigkeiten: Es weiß, dass es Wünsche hat, kann sie aber noch nicht selbst erfüllen. Es möchte etwas tun, schafft es aber nicht immer.

Kein Wunder, dass Kinder in dieser Phase so oft bockig erscheinen. In Wirklichkeit sind sie wütend und frustriert von ihren eingeschränkten Möglichkeiten. Noch haben sie aber nicht gelernt, ihre Enttäuschung anders auszudrücken als durch Weinen oder einen Wutanfall. Das passiert oft von einer Minute zur anderen, gerade eben war das Kind noch ins Spiel vertieft, und plötzlich schreit und tobt es und lässt sich von nichts und niemandem beruhigen. Nicht umsonst heißt diese Zeit auch Trotzphase.

 

Zu dieser Zeit beginnen auch die ersten Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern. Die Kinder versuchen ihren eigenen Willen gegen den der Eltern durchzusetzen. Wie man sich allerdings durchsetzt, haben Kinder noch nicht gelernt. Sie können in dieser Situation eben nur Wutanfälle bekommen. Sprechen können Kinder zu dieser Zeit noch nicht so gut, und ihr Lieblingswort ist jetzt sowieso "Nein!".

Für Eltern beginnt jetzt eine streckenweise dramatische Zeit, und viele fragen sich, ob sie bei ihrer Erziehung etwas verkehrt gemacht haben, ob sie zu streng oder zu nachsichtig waren oder das Kind verwöhnt haben. Aber keine Panik: Das Verhalten des Kindes ist vollkommen normal, und ein wichtiger Schritt für seine Entwicklung zu einer selbständigen Persönlichkeit mit eigenem Charakter.

Dieses Wissen macht es Eltern allerdings nicht leichter, Ruhe und Geduld zu bewahren. Gerade das ist jetzt aber wichtig. Strafen und Verbote haben jetzt keinen Sinn, sondern machen den Trotz und die Wut nur noch schlimmer.

 
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